Thomas Noll: Neue Orgelmusik in Berlin

Interview mit Thomas Noll

1) Was bietet Berlin einem freien Organisten für kreative Räume?

Unendliche Ackerflächen.
Ungeahnte Höhen, Tiefen und Untiefen.
Unbegrenzte Ressourcen an Menschen, Räumen und Situationen.
Und zumeist/zumindest die Bedingung/Voraussetzung: aus Nix was Machen.
Heißt: (überstrapaziert, aber auch hier zutreffend): arm, aber sexy. Gut so!

2) Steht die Berliner Komponistenszene der Orgel aufgeschlossen gegenüber?

Berlin-bezogen gesagt: so heterogen, multikulturell, unübersichtlich, wie die Berliner Komponist*innen-Szene halt ist.
Persönlich gesagt: ich arbeite daran.
Rückblickend gesagt: „jung*fräu*lich“ – das Instrument Orgel war in Berlin über Jahrzehnte in der Hand von kirchlichen Protagonist*innen und die erdrückende Last von Kompositionen der muffigen Moderne machte der Lust aufs Neue durch das Publikum den Garaus – übrig blieb das historische Aufgewärmte auf zumeist nicht adäquaten Instrumenten. Da wollten die Komponierenden selten ran …
Erinnernd gesagt: vereinzelt gab es natürlich Frischblut-Therapie-Versuche …
Z.B. Peter Schwarz präsentierte (u.a.) engagiert Neue Orgelmusik (bemerkenswert bemerkt unbemerkt). Komponisten der Orgel-Avantgarde (z.B. Isang Yun) waren als Gäste, Lehrende, Stipendiaten in der Stadt, arbeiteten aber zumeist an anderem. Berliner Komponisten (z.B. Dieter Schnebel) schrieben ihre Orgelstücke für auswärtige Festivals, blieben aber hier zumeist unaufgeführt. Aufführungen Neuer Orgelmusik gab es nie stetig oder verlässlich (wie in Kassel, Nürnberg, Essen).
Auswärtige Interpret*innen-Neuerwerbungen (würde man im Fußball sagen …) stießen sich schnell die Hörner ab im Ignoranz-Sumpf-Bürokratie-Gemisch.
Analysierend gesagt: das zuvor Beschriebene gilt (vor 1990) für Berlin (West); und dann gab es da ja auch noch die Komponisten-Szene der DDR – hier wurde einiges geleistet (Ruth Zechlin, Lothar Voigtländer, Hermann Keller), davon war auch die nächste Generation ermutigt (Helmut Zapf, Ralf Hoyer). An dieser Stelle wären (mehr) engagierte Interpretierende vonnöten gewesen …
Aktuell gesagt: zunehmend mehr Komponisten der mittleren, jungen und jüngsten Generation sind an der Orgel interessiert, experimentieren, produzieren – und definieren vor allem im begonnenen Jahrtausend die ästhetischen Genres neu.

3) Welche Projekte hast du in den letzten Jahren mit Komponisten verwirklicht?

Rückgrat der Arbeit sind ja erst einmal die Aufführung einzelner Kompositionen (im Kontext eines Festivals, eines Konzerts, einer Vernissage, zuweilen eines Gottesdienstes) sowie bestimmte Gelegenheiten (wie z.B. der Fokus auf Neuer Musik bei einem Orgelmarathon oder einer Langen Nacht der Museen) und damit einhergehend natürlich der Austausch mit den Komponierenden. Inklusive der Erfahrung für diese, wie verschieden sich ihre Kompositionen je nach Instrument und Raum bewähren. Neben der Rolle des Interpreten habe ich da auch die des Kurators: im Gespräch mit den Komponierenden die Situationen entwickeln und umsetzen, die einen stimmigen Rahmen für die Präsentationen bieten.

Einige Beispiele:
– Mein Festival ‚lab.or.a 2010 – Zeitgenössische Orgel-Improvisation im Dialog‘ bot ein solches Podium, in jedem der acht Konzerte war eine Komposition (darunter 2 Aufträge bzw. 3 Uraufführungen) integriert.
– Auf Anfrage des Posaunisten Matthias Jann entstand ein Programm für Posaunen, Orgel und Elektronik als Konzert der auf Neue Musik spezialisierten Musikschule Neukölln.
– Während der jährlich stattfindenen ‚Randspiele‘ in Zepernick am nordöstlichen Stadtrand spielt die Orgel eine gewichtige Rolle: in der dortigen Kirche, aber auch in den Sound-Tours entlang der S-Bahn, aus umliegenden Orten oder als Museums-Tour; da gibt es (Planung & Proben) viel Kommunikation.
– 2015 bot ein Orgel-Jubiläum die Möglichkeit, eine multimediale Performance als Umsetzung einer Uraufführung für drei Orgeln und 12-Kanal-Zuspiel in das Festival ORGANOVINO einzubinden.
– Aktuell bereite ich das Festival INSIDE_OUT für Orgel und Elektronik in der Kreuzberger Emmauskirche im August 2016 vor; meine künstlerischen Partner sind zugleich Komponierende wie Interpretierende.

4) Welche Rolle spielst du als Interpret bei der Umsetzung der Werke und inwieweit lassen sich die Komponisten vom Interpreten beraten und inspirieren?

Zwei Szenarien: im letzten Jahr habe ich (zusammen mit Helmut Zapf) ein kleines feines Projekt auf den Weg gebracht: das ‚Zepernicker Orgelbüchlein‘, das – in Bezug auf das Bachsche Kompendium der Orgelkunst seiner Zeit – ermutigen will, kompositorischen Umgang mit Choral (im freien Sinne) ohne Rücksicht auf Gebrauchswert zeitgenössisch umzusetzen. Da ist Begleitung in verschiedener Weise gefragt – von Informationen über die Orgel an sich oder das konkrete Instrument, die Frage der letztlichen Registrierung, Notation, rhetorische Aspekte, oder auch Feedback über das nicht so Neue, weil bereits Komponierte …
So entsteht zusehends ein Schatzkästlein köstlicher Miniaturen.
– Die Arbeit mit dem und an dem Aerophon: 2011 für eine Ausstellung über ‚Langeweile‘ entwickelt (alte Orgelpfeifen, ein Motor, eine Art ‚Tastatur‘ und – inzwischen – ca. 100m Schläuche), habe ich dieses orgel-affine Instrument inzwischen mehrfach skulptural wie klingend präsentiert, u.a. vor einer stummen Orgel, als klingendes Bühnenbild, in einem Treppenhaus, auf dem Dachboden einer Kirche, im Hauptbahnhof (dies als Uraufführung einer eigens dafür geschriebenen Komposition), in einer Straßenbahn und als Dialog-Instrument zu Violine, Blockflöte, Gambe, Performance, Gesang, Horn, Kontrabassklarinette, Moog-Synthesizer u.a.

5) Welche Rolle spielen Crossover und Improvisation? Inwieweit hat das Instrument für die gegenwärtige künstlerische Arbeit eine Zukunft?

– Performance: hier sei noch einmal das Aerophon genannt …
– Interdisziplinares: Improvisation zum Stummfilm (im Kinder-Museum mit pädagogischer Aktion); Inszenierung von Orgel mit Licht, verschiedene dramaturgische Settings mit Orgelmusik (Oper, Laptop-Cruising, Klangforschung); Vorgespräche mit verschiedenen Künstler*innen anderer Sparten, die der Umsetzung harren (es kostet … und das dauert …)
– Crossover: das Impro-Projekt ‚laut brennt‘ für Orgel und DJ-Set hat sich seit drei Jahren mit diversen Orgeln, in verschiedenen Räumen und unterschiedlichen Szenarien bewährt. Ein weiteres Projekt ist die Zusammenarbeit mit einem Musiker, der sowohl Musik-Software programmiert als auch künstlerisch mit (Orgel-)Klängen zu arbeiten vermag.
– Improvisation ist für mich inzwischen eine fundamentale Möglichkeit des Dialogs: mit Instrumenten, mit Stimme, mit anderen Organisten, im Rundfunk-Interview …
– um dies nicht zu vergessen: auch in meinem schmalen Segment gottesdienstlicher Betätigung ist das zeitgenössische Improvisieren ein Medium, die Orgel vielen Menschen als zeitgenössisches Instrument zu vermitteln.

6) Wie sieht es mit Instrumenten und Orten aus?

Betr. Instrumente: grundsätzlich ist die Landschaft quantitativ reich, qualitativ weniger, zumindest jedoch ist sie sehr vielfältig. Historisch bedingt ist sie dominiert von Nachkriegs-Schrott (der ja zuweilen spannend sein kann fürs Neue), wenigen wirklich historischen, zumeist historisierenden oder historisch neu-/nachgebauten Orgeln (z.B. im Westen: ‚Schnitger‘ im Schloss Charlottenburg … & im Osten: ‚französisch‘ im Französischen Dom …) oder aspektuell neuen, oft aber inkonsequent fertig-konzipierten oder -gebauten Instrumenten (Epiphanienkirche: interessant vor allem durch ihre differenzierte Mensur-/Schweller-bedingte Klanglichkeit; Emmauskirche: mittelgroßé Pfeifen-Orgel ergänzt durch gesampelte Klänge; Konzerthaus: einige Effekte; wind-manipulationsfähig; auch die wenigen Kino-Orgeln sind eine große Bereicherung für die Landschaft). An dieser Stelle äußere ich mich mal nicht weiter zu den verpassten Möglichkeiten, Orgelbau weiter zu denken oder zu entwickeln (z.B Stadtmuseum Nikolaikirche und andere Musikhochschul-bedingte Instrumente).

Betr. Institutionen: im Rahmen der ‚Kultur in Kirchen‘ ist es konzeptionell wie ökonomisch schwierig, Verlässliches aufzubauen (differenzierter ergänzt: ohne dass es im Potpourri eines Gemischtwaren-Ladens untergeht). Die Evangelische Kirche genügt sich mit ihrem Schwerpunkt Neuer Sakraler Kunst in St.Matthäus / Kulturforum (was mich persönlich nicht überzeugt). Die großen Neue-Musik-Festivals und -Kulturorte erinnern sich selten der Orgel bzw. verfügen nicht über Instrumente.
Einzig die Reihe ‚Unerhörte Musik‘ (die seit 1990 wöchentlich Neue Musik präsentiert wagte zweimal eine ‚Exkursion‘ aus ihrem Konzertort BKA in die nahe gelegene Heiligkreuz-Kirche.
Erstaunlicherweise scheint es gerade an der Zeit, dass hier und dort etwas angelegt wird, z.B. Maximilian Schnaus in der Sophienkirche mit dem Schwerpunkt ’neue.musik.in.sophien‘ oder das Dreiklang-Team in Schöneberg-Mitte mit dem Sommerfestival ORGANOVINO.

Betr. Zusammenarbeit: sehr aufwändig. Die Ignoranz der meisten Organist*innen in Sachen Neue Musik (meine Einschätzung: begründet durch Ignoranz, Inkompetenz und Angst) macht den Zugang, die Realisierung und vor allem unbelastetes Arbeiten sehr schwierig. Belohnung sind jedoch die häufig überraschenden Settings, die durch besondere Konstellationen in Wechselwirkung mit dem Präsentierten stehen (ich erinnere eine sehr bewegende Konfrontation mit Rüstungs-Schrott oder die Realisierung Neuer Musik auf einer Orgel von 1937 …).

Betr. Orte: häufig akustisch aufregende, zumindest spezielle Situationen, die mir sehr eindrückliche Erlebnisse – Neuer wie Tradierter Musik! – beschert haben. Und: die oft inspirierend inszenierbar waren.

7) Was wünscht du dir für die Zukunft?
Unbeschwertes Arbeiten.
Unbürokratischen Zugang zu Instrumenten.
Entschiedene statt halbherzige Unterstützung (finanziell wie ideell) von Projekten (jenseits von Berliner Mittelmaß und Gießkannen-Prinzip).

Thomas Noll: www.organworks.de