Stadt der Neuen Musik

„Stiftung seiner Durchlaucht des Fürsten Donnersmarck“ steht in Ehrfurcht gebietenden Lettern direkt über dem Spieltisch auf dem Orgelgehäuse im Berliner Dom. Vor etwa zwei Jahren habe ich dort eines meiner Examenskonzerte der UdK vorbereitet. Wenn dieser großartige Raum nachts menschenleer in ein matt-golden gedämpftes Licht getaucht ist, fühlt man sich unwillkürlich in seine Entstehungszeit zurückversetzt. Und so fragte ich mich damals, wie seine Durchlaucht von Donnersmarck wohl auf die Tatsache reagiert hätte, dass ich auf seiner Orgel Ligetis Volumina einrichten musste (die in der gewaltigen Akustik übrigens fantastisch subtil und orchestral klingen). Vermutlich hätte er den Degen gezogen.

Sophienkirche

Sophienkirche

Ein knappes Jahr später wurde ich Organist der Sophienkirche, die nur wenige Gehminuten vom Dom entfernt auf der anderen Seite der Spree liegt, etwas versteckt auf einem alten Kirchhof hinter den Hackeschen Höfen. Der im preußischen Neo-Rokoko gehaltene Innenraum des ursprünglich barocken Bauwerks geht auf das ausgehende 19. Jahrhundert zurück, und wurde, während der neue Dom auf der Spreeinsel entstand, zeitweilig von Wilhelm II. als Ersatz-Hofkirche genutzt. Von einem avantgardistischen Ansatz in der Kirchenmusik hätte der letzte deutsche Kaiser sicher wenig gehalten – seine Meinung über die führenden Vertreter einer zur zu seiner Zeit aufkeimenden musikalischen Moderne wie Strauß und Schönberg ist ja bekannt.

Doch die radikalen Verwerfungen der deutschen Geschichte haben Berlin zu einer völlig anderen Stadt werden lassen, in der sich niemand mehr Sorgen um das ästhetische Urteil eines Hohenzollern machen muss. Heute gehört die Sophienkirche, zusammen mit der Zionskirche und der Golgathakirche, zu evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg, einer sehr vielfältigen, weltoffenen und begeisterungsfähigen Gemeinde in Mitte. Eine Gemeinde, die auch neuer und neuester Musik sehr interessiert und aufgeschlossen gegenübersteht und die nach einer Aufführung der mikrotonalen Komposition „Wendeltreppe“ von Jan-Esra Kuhl als Gottesdienstnachspiel begeistert applaudiert. Ein Stück also, bei dem durchschnittliche Besucher eines evangelischen Gottesdienstes auch im Jahr 2016 erfahrungsgemäß noch die Flucht ergreifen.

Mit einer großen freien Szene ist Berlin heute eine echte Stadt der Neuen Musik, wovon zahlreiche Festivals, Konzertreihen und Aktivitäten zeugen: Von Ultraschall, Infections, Maerzmusik, Echtzeitmusik, Unerhörte Musik über das Musikfest und die Zeitgenössische Oper, INM und BGNM – die Liste ließe sich bis zum regulären Betrieb der drei Opernhäuser, der großen Sinfonieorchester und der beiden Hochschulen lange weiterführen. In Bezug auf Kirchenmusik sieht die Lage jedoch anders aus. Es gibt zwar bemerkenswerte Projekte von Kirchenmusikern im Bereich der Neuen Musik, beispielsweise von Lothar Knappe an St. Matthäus, die Arbeit von Ingo Schulz und Thomas Noll, oder auch die „Randspiele“ in Zepernick von Karin und Helmut Zapf (um nur einige zu nennen). Anders als etwa in Köln oder in Kassel existiert dennoch kein echtes Zentrum für geistliche zeitgenössische Musik. Seit 2016 fügt die Konzertreihe neue.musik.in.sophien mit Musikern wie Dominik Susteck, Irene Kurka, Johnny Chang, Maria Magdalena Wiesmaier, dem Londoner Komponisten/Interpretenkollektiv Automatronic und der norwegischen Performancekünstlerin Liv-Kristin Holmberg diesem Kreis eine weitere Facette hinzu. Durch einen Pfarrwechsel bedingt, wird etwas verzögert im Herbst diesen Jahres eine korrespondierende Gottesdienstreihe mit zeitgenössischer liturgischer Musik starten. Auch die im Moment noch recht bescheidene Zahl von sechs Konzerten soll sich im nächsten Jahr vergrößern.

Eine entsprechende Tradition existiert in Sophien aber bereits seit vielen Jahren. Der jetzt in Schöneberg tätige Berliner Organist Thomas Noll hat sich als Kirchenmusiker der Sophienkirche als Förderer und Fürsprecher zeitgenössischer Komponisten verdient gemacht und zudem die neobarocke Schuke-Orgel von 1970 durch die erste Winddrossel Berlins ergänzen lassen. Deutliche Spuren hat auch die Arbeit des an die Gemeinde angeschlossenen Kulturbüros Elisabeth hinterlassen, das seit Jahren sehr erfolgreich die stückweise Wiederherstellung zweier gemeindlicher Liegenschaften, der Villa Elisabeth und der Elisabethkirche, finanziert. Vor wenigen Jahren wuchsen im Inneren der Elisabethkirche noch Bäume, heute ist sie ein beliebter und etablierter Spielort für alle Arten von kulturellen Profi- und Off-Produktionen. Vielfach schon hat das Kulturbüro neue Musik auf hohem Niveau in die Sophienkirche geholt, jüngste Beispiele sind Konzerte der Mikromusik des DAAD oder Ultraschall mit Jörg Widmann und dem Ensemble Modern, Michael Pelzel, Alexander Moosbrugger; oder in näherer Zukunft ein Geburtstagskonzert für und mit Terry Riley.

Eine sehr klare Akustik, in der auch komplizierte Orgelmusik transparent und kammermusikalisch klingt, ist der Shoebox-Form der Sophienkirche geschuldet. Die zweimanualige Schuke-Orgel von 1970 ist für ihre bescheidene Größe von 28 klingenden Registern erstaunlich vielseitig und als qualitätvolles Beispiel neobarocken Orgelbaus durchaus erhaltenswert. Sie verbirgt sich hinter einem prächtigen Prospekt aus dem 18. Jahrhundert. Obwohl sich in den letzte Jahrzehnten die allgemeine Orgelsituation in Berlin bedeutend verbessert hat, steht die Planung eines adäquaten Instruments für die Darstellung von Musik unserer Zeit noch aus. An dieser Stelle könnte eine andere Kirche der Gemeinde für einen Neubau in Spiel kommen: Die Zionskirche, in der seit dem 2. Weltkrieg keine Orgel mehr steht. Im Moment sind dies allerdings lediglich reine Vorüberlegungen. Anders ausgedrückt: Keine zeitgenössische, sondern echte Zukunftsmusik.

Maximilian Schnaus